„Dank“ meiner Krankheit bin ich heute Nacht gegen vier Uhr wieder mit schrecklichen Beinkrämpfen aufgewacht.
So ganz undankbar war ich dann aber auch nicht, denn ich war wieder in einem Traum gefangen der mich nicht wieder los lies.
Ich habe die wunderbare Gabe, Lucid träumen zu können.
Das bedeutet, das man zum größten Teil Inhalt und Sinn eines Traumes lenken kann und sich gegenteilig zu normalen Träumen danach ganz klar und detailliert daran erinnern kann.
In der Regel passiert mir das, wenn ich im Unterbewustsein technische Probleme lösen will.
Auf einmal fange im Traum ganz klar an, z.B. Kabelverlegungen zu planen oder – so wie letzte Nacht – komplexe elektronische Schaltungen aufzubauen. Am nächsten Tag schreibe ich mir die grundlegenden Pläne auf oder gebe sie direkt per Schaltplaneditor in den Computer ein.
Perfekt sind die Sachen in der ersten Niederlegung natürlich nie aber erstaunlicherweise immer gut strukturierte Lösungsansätze, an denen ich schnell weiterarbeiten kann.
So träumte ich eben heute von einer ziemlich komplexen Sache und irgendwie wollte das Ganze nicht hinhauen.
Es wäre klasse, könnte ich mich während des Schlafes mittels einem biologisch implantierten Hirn-WLAN Verbindung mit dem Internet aufbauen um mir die fehlenden Informationen direkt zu besorgen. Aber da bin ich noch ein paar Generationen zurück.
Daher bin ich mehrere Versuchsanordnungen und etliche Gedankenwiederholungen später schon ziemlich aufgewühlt, als ich merkte, das ich langsam wieder wach wurde.
Schmerzen.
Mist. Diesmal nicht der Rücken sondern die Beine. Muskelkrämpfe – sehr unangenehm.
So richtig wach wollte ich aber nicht werden. Auf der anderen Seite habe ich aber gemerkt, daß mein Traum mich heute nicht von der Stelle bringt und ich mich in einer Art Endlosschleife befand aus der ich nicht ganz herauskam.
Durst.
Im bewussten Halbschlaf greife ich zielsicher nach der Wasserflasche neben dem Bett.
Unfallfreies Trinken.
Ich schätzte, das es irgendwann zwischen 3 und 4 Uhr sein müsste.
Ich versuchte, meine Beine zu dehnen aber der Schmerz wurde nur schlimmer. Ich wollte aber nicht aufstehen.
Neben mir mehrfaches Schnarchen. Ein Andre-Katze-Anja-Katze Sandwich, eingehüllt in haudünne Laken und flockige Daunen.
Derweil meine Holde nur ab und zu ihr Gaumensegel brummen lässt, gibtg Daisy in meiner Fußhöhe ungehemmt Töne von sich, die an einen athmakranken Obdachlosen im Alkoholschlaf erinnern während Morchi ganz am Ende der Kette immer laut schnaufend Luft einzieht. Hah – und zu mir meint meine Holde immer, das ich ukrainischen Sägewerken Konkurrenz mache…
Trotz allem – die Schmerzen werden nicht besser und so verlasse ich mich auf meine schlafwandelnden Künste und gehe zielsicher durch die stockdustere Wohnung in die Küche, um was einzunehmen.
Sich mir nähernd ertönt ein flinkes „Trapp-Trapp“ und das leise Klappern eines Halsbandes mit Marke. Zur Sicherheit mache ich jetzt doch das Licht an. Neben mir steht Morchi aka „Die kleine schwarze Robbe“ neben einem leeren Fressanpf und schaut mich an wie das Kalb kurz vorm Bolzenschuss.
Kennt ihr Garfield im Comic, wie er nonverbal aber unmissverständlich mit großen Augen auf seinen dicken Bauch zeigend von Jon sein Futter fordert? So komme ich mir momentan vor.
Seufz. Ein Blick auf die Uhr. Es ist Halb Vier. Gut geschätzt.
Katze bekommt ihr Futter und während sie schmatzt messe ich meinen Blutzucker. 90 – ist doch ok.
Ich werfe ich mir zwei Diclofenac ins Glas, schaue, wie sie sich langsam in flockigem Nebel auflösen, rühre das Zeug um und trinke die bittere Brühe aus. Auf das es helfen wird…
Licht aus und wieder ein Gang durch die nachtschwarze Wohnung ins Bettchen, wo – wie ich ertaste – sich Daisy meine Abwesenheit zunutze gemacht hat, ihre ausgetreckten 60cm Länge nicht mehr längs sondern breitseitig im Bett zu deponieren. Diskussionslos steige ich ins Bett und schubse mit den Beinen die leise protestierende Katze wieder an ihren angestammten Ort in der Bettmitte, wo dann auch bleibt.
Die Beine werden leider nicht besser und es wird noch eine ganze Weile dauern, bis sich bei dem bisschen Stoffwechsel die Schmerztabletten bemerkbar machen.
Ich versuche es mit autogenem Training, einer Methode, mit der ich normalerweise eigentlich schaffe, in allen gegebenen Situationen schnell einzuschlafen, selbst wenn es hell und laut ist.
Ich projeziere alle Gedanken auf einen schwarzen, stecknadelkopf großen Punkt in der Mitte des Universums, versuche den Geist in diesen Punkt zu lenken und alle äusseren Empfindungen auszuschalten.
Heute gelingt es leider nicht. Anstelle mich dem Punkt zu nähern und darin aufzugehen wächst er unaufhörlich vor mir zu einer riesigen, pulsierenden Kugel heran. Oje – das kenne ich schon!
Die Kugel implodiert in einen lautlosen Urknall und so schwebe ich in den Dimensionen wabernder Atomstrukturen, die zwar eine unglaubliche Ästhetik augweisen aber alles andere als einen erholenden Schlaf projezieren.
Nach einer Weile gleitet das eine Übel in das Nächste.
Seit meiner frühen Kindheit verfolgt mich immer wiederkehrend der selbe Traum:
Ich renne durch endlose Kellergänge und werde von etwas Unbestimmten verfolgt, was ich nicht sehen aber spüren kann.
Das Grauen vor dem Etwas hinter mir ist so groß und gewaltig, das ich glaube, es wäre mein Ende, sollte es mich jemals einholen.
Und so renn ich in jedem dieser Träume in der Finsternis meiner inneren Katakomben stundenlang um mein Leben. Einer der wenigen Träume, über die ich keine Macht habe und die ich übrhaupt nicht beeinflussen kann und es zieht mir jedesmal die Kehle zu, wen ich daraus erwache.
Sieben Uhr. Der Wecker klingelt.
Wieder habe ich es geschafft, dem Verfolger zu entkommen. Die Beine tun nicht mehr ganz so weh aber ich fühle mich wie gerädert.
Ein neuer Tag beginnt.
Dazu genuscheltes